Ordnung muss sein

Es war einmal ein Land, in dem die Regierung über den Stand aller Dinge genau unterrichtet sein wollte. Die Wissbegier der Obrigkeit drang tief in das Leben eines jeden Bürgers ein und machte es ihm zur Pflicht, sich selbst scharf zu beobachten, um jederzeit die nötigen Auskünfte erteilen zu können. Kein Tag verging, ohne dass der Briefträger nicht einen oder auch mehrere Fragebogen ins Haus brachte. Es war strengstens angeordnet, die Papiere sogleich nach Erhalt mit eigener Hand zu beschriften, und wer sich dieser Weisung entzog, hatte das Schlimmste zu befürchten. Auf einmalige Verwarnung, die öffentlich und namentlich bekanntgegeben wurde, folgte beim nächsten Anlass eine Kerkerstrafe, die selten milde ausfiel ; wiederholte sich die Weigerung, so wurde der Sünder mit dem Tod bestraft. Da niemand von diesem Zwang befreit war, nahm das Leben trotz allem einen geregelten Gang . Zwar wurde weniger gearbeitet als in anderen Ländern, doch erwies es sich, dass die verbleibende Arbeit vollauf genügte, um die Menschen zu mähren, zu kleiden und ihnen dieses oder jenes Verlangen zu erfüllen. Wenn An Ansprüchen der Regierung überhaupt ein Nachteil anhaftete, so lag er allenfalls darin, dass die Bürger einen gewissen Teil ihrer Zeit nicht nach eigenem Ermessen vertun oder nutzen konnten, sondern ihn der allgemeinen Ordnung unterstellen mussten. Ob man das aber einen Nachteil ansehen darf, ist zumindest fraglich, ganz ab gesehen davon, dass Ordnung jedes Opfer wert ist.

Längst ist der Leser neugierig geworden, worauf sich die Anfragen, denen eine solche Bedeutung zukam, eigentlich bezogen. Es wäre einfacher- oder auch schwieriger-,ihm mitzuteilen, was sie nicht einbegriffen, denn ihre Vielfalt war unermesslich. Wollten die einen Fragebogen wissen, wie viel Zündhölzer, Raketen Patronen der einzelne jährlich verbrauchte, so trugen andere jedem Haushalt auf, eine Liste aller mit dem Buchstaben R beginnenden Gegenstände anzufertigen und ausdrücklich zu vermerken, welche unter ihnen von grüner Farbe seien. Dasselbe staatliche Papier verlangte Auskunft darüber, wie oft im Verlauf des letzten Jahrzehnts der betreffende Bürger den Haarschneider aufgesucht habe,wie sich schätzungsweise der natürlich Haarausfall zum künstlich Beschnitt verhalte und ob das gefundene Verhältnis annähernd dem Verhältnis zwischen der Größe der Schuhnummer und der Kragennummer entspreche. Nach solche Beispielen könnte man den Eindruck haben, dass die gestellten Fragen überaus spitzfindig seien und keinen rechten Nutzen erkennen ließen. Beides müssen wir entschieden zurückweisen, denn es ist so einer Frage nie ohne weiteres anzumerken, welchem geheimen Sinn sie dient. Was die Einwohner unseres Landes betrifft, so massten sie sich nicht an, die Fragen der Regierung anzuzweifeln, sondern sie beeilten sich, dieselben zu beantworten. Die Fragen jedenfalls waren dazu angetan, die Gedanken beisammenzuhalten und sie bedingungslos in den Dienst des Staates zu stellen.

Das Ordnen der Fragebogen vollzog sich nach ebenso bestimmten wie geheimen Gesichtspunkten. Nur soviel sei verraten, dass nicht der Anfangsbuchstabe, sondern der Endbuchstabe der einzelnen Namen dabei als Leitschnur diente. War die Arbeit getan, so wanderten die Bündel in die höheren Kanzleien, wo sie nach noch geheimeren Gesichtspunkten, die jedoch-so versichert man- mit der Himmelsrichtung der Straßen, in denen die Ausfüller wohnten zusammenhingen, neuerlich bearbeitet wurden. Jetzt fiel den Referenten die schwere Aufgabe zu, Stichproben vorzunehmen und aus diesen einen Bericht zu gewinnen, der auf keine Einzelheiten, auch auf keine eigentlichen Tatsachen Bezug nahm, sondern von der Anzahl der Schreibfehler, dem Zustand des Papiers und von der verwendeten Tinte einen ungefähren Eindruck zu geben versuchte.
Diese Berichte gelangten an den Präsidenten, der sie ungelesen, jedoch mit großer Sorgfalt in eigens dafür bestimmte Fächer legte.

1. Wie war das Schicksal der Einwohner, die der Verwarnung der Obrigkeit nicht folgen wollten ?

Correct! Wrong!

2. Welche Auswirkungen hatten die Fragebogenaktionen auf das Privatleben der Bürger?

Correct! Wrong!

3. Welchen Eindruck könnte man über den Nutzen der Fragebogen gewinnen?

Correct! Wrong!

4. Wie war die tatsächliche Einstellung der Bürger zu gestellten Fragen?

Correct! Wrong!

5. Wie setzen sich die Referenten mit Fragebogen auseinander?

Correct! Wrong!

Ordnung muss sein