Eva Königsgarten singt

Einige stunden vor jedem Auftreten wurde Eva Königsgarten von einer Art Panik überfallen. Sie fieberte vor Angst. Es war ganz so, also ob man ihr zumute, aus einem Flugzeug in die Luft hineinzuspringen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie war völlig heiser und brachte nicht einen Ton heraus.

Schon kam Reifenberg, um sie abzuholen. Er tat leise und feierlich. “Bist du fertig, Eva? Nimm deinen Schal um ,es kann ziehen in den Korridoren.”
Reifenberg Klinkte die Tür auf. “Nun, immer Mut,Eva!” sagte er lächelnd. Er sagte immer das gleiche, immer in demselben gleichgültigen Ton, als ob er keine Ahnung hätte, wie ihr zumute war.

Eva ging einige Schritte vorwärts, ohne etwas zu sehen. Sie atmete tief und lächelte unmerklich. Eine Brandung von Beifall rollte ihr entgegen. Diese Welle von Beifall war es , die sie immer rettete, diese wenigen Sekunden gaben ihr Atem und Bewusstsein zurück. Die Leute waren aufgesprungen und applaudierten. Und Eva machte ihre schlichte Verbeugung, die Demut und Stolz ausdrückte. Sie lächelte dabei, so dass man ihre weißen Zähne zwischen den feuchten roten Lippen schimmern sah. Sie zählte bis zehn und wandte den Blick Reifenberg zu.

Schon klangen die ersten Akkorde der Introduktion an ihr Ohr. Automatisch setzte sie ein. Nach frei, vier Takten hörte sie ihre Stimme, nun war die Angst zu Ende. Sie streifte Reifenbergs Gesicht, seine Augen funkelten, sein kleiner Mund war etwas gespitzt, als wolle er pfeifen- er war zufrieden. Er lächelte sogar unmerklich, und nun hörte Eva selbst, dass ihre Stimme rein und schön klang. Nun hatte sie sogar den Mut, sich im Saal umzusehen und die Leute zu betrachten. Sie war ihrer Sache nun völlig sicher.

Bei dem zweiten Lied musste sie unwillkürlich an ihren Vater denken. Ihr Vater war ein einfacher Mann, alt und gebeugt, ein Gärtner, der in einer Österreichischen Provinzstadt lebte. Ein Rausch hatte Eva ergriffen. Sie empfand keine Angst mehr, sie fühlte nicht einmal mehr die Schwere, sie schien zu schweben. Ja, nun wollte sie singen, berauscht von der eigenen Stimme. Sie fühlte, dass die Zuhörer in ihrem Bann waren.

Das Wiegenlied sang sie nur für ihre kleine Tochter. Ihre Stimme würde zu Grete gleiten, gewiss, über die Meere und die Länder , sie würde in das rosige Ohr ihres hochbeinigen Mädchens dringen, das jetzt in seinem schmalen Bett lag- ja, ohne Zweifel, Grete würde sie im Traum hören. Daran glaubte Eva felsenfest. Sie sang mit der Inbrunst einer Mutter, die in Sehnsucht nach ihrem Kinde vergeht.

Der Jubel ihrer Stimme erbebte von einer tiefen Erschütterung. Die Zeitungen hatten geschrieben, dass die Königsgarten oft derart von der Musik hingerissen werde, dass sie wirklich Tränen vergieße. Das war keine Übertreibung. Manchmal war Eva so erschüttert, besonders auf der Bühne, dass sie weinen musste, so dumm es ihr auch erschien. Nein, heute weinte sie nicht, aber ihre Augen schimmerten sehr verdächtig, als sie das Lied von Gerte sang.

“Schon steigt silbern der Mond empor…” sang die Königsgarten.
In Erstarrung lag der Saal, nicht ein Muskel rührte sich in all den Gesichtern.
Reifenberg erhob sich von seinem Sessel. “Gut”, sagte er leise, “gut, Eva.” Mehr pflegte er nie zu sagen, aber es war sein höchstes Lob . Der Saal rauschte tobend Beifall, und Eva sang das Wiegenlied noch einmal.

1. In welchem Zustand war Eva vor jedem Auftritt?

Correct! Wrong!

2. Wie verheilt sich Reifenberg vor dem Evas Auftritt?

Correct! Wrong!

3. Wie sah Reifenberg aus, nachdem Eva zu singen begonnen hatte?

Correct! Wrong!

4. Wie sang Eva das Wiegenlied?

Correct! Wrong!

5. Was schreiben die Zeitungen über Das Auftreten von Eva?

Correct! Wrong!

Eva Königsgarten singt